Red Dead Redemption [PS3]
Wie bereits gepostet, habe ich diesen Titel nun mit 100 % abgeschlossen und damit auch ein weiteres wichtiges Kapitel in meinem Leben geschrieben: nämlich ein Rockstar-Open World Game nicht nur bloß für ein paar Minuten am besten noch mit zusätzlichen Cheats anzuschmeißen, um einen Amoklauf nach dem anderen zu begehen, nur um nach 10 Minuten die Lust daran zu verlieren (yes GTA, I'm looking at you!)

Tatsächlich hatte ich RDR zwar lange auf dem Schirm, war mir aber lange Zeit nicht sicher, ob ich mit dem Titel klar kommen würde, weil ich in Open World-Elementen bislang immer eine Überforderung für mich gewittert hatte. Mit zu vielen Erkundungsmöglichkeiten ohne eine gewisse Orientierung ausgestattet zu sein, hatte mir (der ohnehin schon unter einer arg eingeschränkten räumlichen Orientierung im RL zu leiden hat

) bislang immer Angst gemacht, aber im Nachhinein bin ich sehr froh, letztlich doch zu diesem Spiel gegriffen zu haben, denn RDR hat sich tatsächlich als der erhoffte Ausnahme-Titel entpuppt und die Freiheit des Spiels hat sich eigentlich sehr gut angefühlt! Ich werde also nun versuchen, etwas aufzudröseln, was mir am Titel so reizvoll erschien.
Zunächst einmal ist es natürlich das Setting was einen Großteil der Faszination ausmacht. Der wilde Westen ist in der Videospielbranche ja doch relativ unverbraucht und wenn richtig umgesetzt - und das ist es hier zweifellos - kommt das grandiose Feeling fast schon von selbst auf. Dabei finde ich es vor allem interessant, dass das Spiel 1911 - also im frühen 20. Jahrhundert - spielt und damit eine Zeit darstellt, in der in zivilisierten und industrialisierten Gegenden bereits die ersten Automobile die Kutschen ersetzt haben. Also eigentlich gar nicht das, was man in erster Linie mit dem Wilden Westen verbinden würde. Das macht die ganze Story, die natürlich bloß fiktiv ist, aber eben auch aus historischer Sicht interessant, weil man deutlich merkt, wie zwei Epochen aufeinanderstoßen, ihre Regeln neu verhandeln müssen und die ganze Zeit über dieser Dualismis zwischen Freiheit und Zivilisation herrscht. Aber auch die Story an sich hält genug bei der Stange und fühlt sich ein wenig wie Kill Bill an. Die Charaktere sind skurril, passen aber unglaublich gut zum Setting und auch die Dialoge (vor allem in den Reitsequenzen) sind überzeugend geschrieben worden. Dazu noch ein interessanter Hauptcharakter, dessen Kampf mit seiner Vergangenheit man bewohnen darf und fertig ist eine ganz tolle Ausgangslage, die nur darauf wartet vom Spieler mit Seele gefüllt zu werden.
Und damit kommen wir eigentlich schon zur Spielwelt, die zweifellos das größte Plus in diesem Game darstellt (was bei einem Open World-Game ja nicht schlecht ist

). Fast jeder Quadratmeter zeugt von einer gewissen Detailverliebtheit und vor allem ist die Umsetzung des Wilden Westens absolut authentisch ausgefallen. Alle Aktivitäten wurden um das Setting herum gestrickt, sodass man in geselliger Runde pokern, sich wilde Schießereien liefern, Tiere jagen, sich einen Whisky im Saloon bestellen, Schussduelle annehmen, Stummfilme im Kino ansehen und natürlich dem obligatorischen Sonnenuntergang entgegen reiten darf (und vieles mehr!) - und das natürlich alles neben den sonstigen Missionen oder auch Nebenmissionen. Zu tun gibt es jedenfalls immer genug, sodass man meistens gar nicht so recht einplanen kann, was man in neuen Gebieten alles so anstellen mag und sich stattdessen einfach den ersten Impulsen hingibt. Möchte man sich zunächst den Missionen widmen, untersucht man erst mal das Gebiet nach Geheimnissen, entspannt man sich beim Reiten und schaut einfach, was passiert- die Möglichkeiten erscheinen endlos. Zudem wirkt die Welt extrem lebendig! Ständig ploppen irgendwelche Miniaufgaben auf, beispielsweise wenn jemand entführt wird und man in letzter Sekunden noch einen Mord verhindern kann, die Welt wird von zahlreichen Tieren bevölkert, die sogar ihre eigenen kleinen Systeme bilden (Wölfe versammeln sich zu Rudeln, um einen Bären anzugreifen), Zeitungsstände geben einen historischen Überblick und die NPCs scheinen einem gewissen Tagesablauf zu unterliegen - es ist nicht verwunderlich, dass sich die Welt so organisch anfühlt, wenn man noch zur Mittagszeit auf einer Ranch den Mitarbeitern beim Ausmisten zuschauen darf und diese sich dann abends bei einem Lagerfeuer versammeln, jemand eine Geige auspackt und eine heitere Stimmung aufkommt oder man zu unterschiedlichen Zeiten beobachten kann, wie sich so ein Saloon mit immer mehr Gästen füllt.
Und dann kommt natürlich noch dieses herrliche Freiheitsgefühl hinzu! Jeder, der schon mal über RDR geschrieben hat, wird es wohl mindestens ein Mal erwähnt haben und ich tu es der Quote wegen auch: es ist ein phänomenales Gefühl mit seinem Pferd in diesen unglaublich ausgestaltenen Prärie-Landschaften oder auf hohen Hügeln herumzureiten, die Aussicht zu genießen, mit der frei drehbaren Kamera herumzuspielen und einfach loszulassen - es wirkt sowohl am Tag, wo man diese wahnsinnige Aussicht in voller Pracht erleben kann, als auch in der Nacht, wo neben dem Sternenhimmel über dem Lagerfeuer im Hintergrund leise Gitarrenmusik und das Heulen eines Wolfs ertönt und so richtige "freie Himmel-Atmosphäre" geschaffen wird, einfach sensationell - muss man erlebt haben und weil es nur schwer zu beschreiben ist, gibt es hier ein paar Eindrücke in Bilderform.
Zu erwähnen ist ebenfalls, dass die stetig neuen Gebiete auch dem Spielfluss entsprechend immer passend freigegeben werden und genau zum richtigen Zeitpunkt wieder etwas neues den Spieler erwartet. Vor allem sind die Gebiete doch überraschend abwechslungsreich ausgefallen, was ich jedenfalls im Vorhinein nicht unbedingt erwartet hätte.
Verbunden mit dem zuvor erwähnten Freiheitsgefühl ist das großartige an diesem Titel aber vor allem die Tatsache, dass jeder Spieler quasi seine eigenen und einzigarten kleinen Geschichten im Laufe des Spiels erwähnt. Allein die Engine, die Physik und die dynamischen Tageszyklen und Wettereffekte erschaffen so viele besondere Momente, die einem jedem im Kopf hängen bleiben und die sich von Spieler zu Spieler unterscheiden. Zum Beispiel werde ich mich immer daran erinnern, als mein erstes Pferd von einem Puma gerissen wurde, ich dabei aber bereits nah an einer Klippe stand und die Physik bzw. Schwerkraft mich dadurch über den Klippenrand befördertete und ich plötzlich im Tal völlig alleine auf den gebrochenen Knochen meines treuen Rosses stand. Solche erinnerungswürdigen Situationen gab es zuhauf und sei es, dass ein zufälliger Sonnenuntergang in einer bestimmten Kameraperspektive besonders eindrucksvoll wirkt. Hach ja...
Im Prinzip kann man dadurch auch die Brücke zur Technik des Spiels schlagen, die tatsächlich ein zweischneidiges Schwert darstellt. Wie schon erwähnt ist die Physik eine Wucht! Die Tiere sind allesamt einzigartig animiert und sie und ihre menschlichen Kollegen verhalten sich nach einem Treffer in verschiedene Körperregionen genau so, wie man es von ihnen erwarten würde. Auf der anderen Seite wirken die Animationen der Charaktere hingegen etwas hölzern und auch deren Gesichtszüge sind etwas grob und kantig. Die größte Schwäche zeichnet sich allerdings in den Städten wieder, wo da Spiel doch oftmals ins Stocken gerät und auch die Aktionen, die man ausführen möchte (wie zum Beispiel Kisten untersuchen, mit Personen reden) erst noch nachgeladen müssen, während man bloß still stehen kann und in dieser Zeit mit seiner sich abrackernden PS3 mitleidet.
Das fällt aber gar nicht so sehr ins Gewicht, weil das Technikbrett im Spiel an einer ganz anderen Stelle rausgekramt wird. Die große Stärke ist natürlich die ausmodellierte und wirklich realistisch anmutende Spielwelt, die mit ihrer Ausleuchtung, den richtigen Schattierungen, einem gewissen Hitzeflimmern und der phänomenalen Weitsicht einfach nur zum Anbeißen aussieht und man die Mittagssonne förmlich im eigenen Nacken brennen fühlt. Klar, es gibt technische Macken, wie immer wieder auftauchende Pop-Ups von Objekten im Hintergrund, die nicht sonderlich charmant anzusehen sind, aber wenn das der Kompromiss dafür ist, dass man sich sonst in einer so liebevoll gestalteten Welt bewegen darf, nehme ich persönlich das gerne hin. Hinzu kommen noch die immer passend eingesetzten Soundeffekte, welche die Umgebungen erst so richtig zum Leben erwecken und auch der Soundtrack ist zwar sehr subtil, aber sorgt für genau das richtige Flair.
Ich habe ja bereits paar technische Mängel genannt und damit möchte ich auch direkt weiter bei den Kritikpunkten ansetzen. Denn obwohl das Spiel doch insgesamt über jeden Zweifel erhaben ist, ist es definitiv nicht perfekt und es gab auch ein paar Dinge, die mir negativ aufgefallen sind und die fairerweise auch hier benannt werden sollten. Bleiben wir doch bei der Technik - die Sachen, die ich gerade bereits aufgezählt habe: geschenkt. Auch die immer wieder auftauchenden Clipping-Fehler sind bei dieser Größe der Welt locker zu verzeihen...WENN sie nicht leider immer wieder Mal zu Situationen führen würden, die einen doch in Bedrängnis bringen. So bin ich 3-4 Mal nach irgendwelchen Sprüngen zwischen zwei Objekten gelandet und war sozusagen eingeklemmt, sodass ich letztlich meinen Spielstand neu laden musste, um da raus zu kommen - ärgerlich! Auch ein paar Gegner sind schon von Wänden verschluckt worden, an die ich danach nicht mehr ran kam, die selbst aber weiter munter in der Gegend herumballerten. Insgesamt also etwas buggy, was im normalen Spielverlauf zwar nicht unbedingt auffällt, aber dennoch ab und zu bei mir zu Frust geführt hat. Ansonsten wäre das gewichtigste, was mir noch spontan einfallen würde, die Tatsache, dass manche Missionen manchmal etwas repetitiv wirken und auch die Interaktion mit der Umgebung in Hinblick auf Objekte hätte noch etwas nach oben geschraubt werden können, was das Spielgefühl noch weiter intensiviert hätte. Viel mehr ist es im Allgemeinen allerdings nicht, sodass dies einem Kauf eigentlich nicht im Wege stehen sollte!
Fazit: Unglaublich was Rockstar hier abgeliefert hat und ich kann immer wieder nur betonen, was für ein einzigartiges Spielgefühl mir dieser Titel gerade in Hinblick auf die Freiheit geboten hat. Kann ich mittlerweile also verstehen, warum viele Gamer so sehr auf Open World-Games abfahren? Definitiv. Würde ich mich demnach auch mal an ein GTA heranwagen? Definitiv NICHT

Denn die meiste Faszination geht bei RDR eindeutig vom Setting aus und das ganze in einer Großstadt wäre für mich persönlich wieder um ein vielfaches langweiliger und ganz einfach uninteressant. RDR hingegen werde ich definitiv zwischendurch noch mal ab und zu einlegen, um einfach wieder vom Rücken meines Rosses in die mittlerweile doch so vertraute Spielwelt einzutauchen, um sie zu genießen oder um ab und zu einfach etwas für Chaos zu sorgen
Wertung: 93 %