Baldur's Gate II: Shadows of Amn + Throne of Bhaal
1,5 Monate später... Zählt man BG1 dazu, kann man noch einen Monat dazuzählen. Und ich habe nicht getrödelt - fast jeden Tag gespielt.
Der Ablauf der Story erinnert mich etwas an Mass Effect. Im ersten Teil wird die Gefahr enthüllt. Der zweite Teil konzentriert sich hauptsächlich auf die Charaktere, wobei die Haupthandlung etwas in den Hintergrund gerückt wird. Und wenn man Throne of Bhaal als dritten Teil betrachtet, geht es hier ähnlich wie in ME3 schnell von Schauplatz zu Schauplatz, ohne Abzweigungen, um die Story zu ihrem unvermeidbaren Ende zu führen. Der Unterschied ist nur: Das Ende von ToB ist nicht scheiße. Im Nachhinein betrachtet kommt mir Shadows of Amn wie eine riesige Sidequest zwischen BG1 und ToB vor, in der man die große Welt von Amn erkunden kann.
Die Story um Irenicus fand ich sehr gelungen. Man kann ihn wirklich zu den coolsten Bösewichten zählen, auch neben Kefka, Sephiroth und Konsorten. Das liegt vor allem an der Sprachausgabe, welche aber leider spärlich verteilt ist. Oft wird nur die erste Zeile im Dialog gesprochen, und den Rest darf man sich selber vorstellen. Mehr war zur damaligen Zeit halt einfach nicht drin. Zudem ist die Infinity Engine sehr einschränkend, wenn es um geskritpete Szenen geht. Charaktere schauen bei Dialogen oft in die falsche Richtung, oder das Spiel wird einfach pausiert, während der Dialog abläuft. Der Text ist wichtiger als das Bild. Deshalb sagte ich auch, dass BG eher mit einem Buch als mit einem Film zu vergleichen ist.
SoA spielt die Stärken der offenen Welt früh aus. Nach dem Intro gilt es direkt, Imoen zu finden, und dafür ist man auf fremde Hilfe angewiesen, welche teuer bezahlt werden muss. Das Spiel sagt: "Du brauchst 20.000 GP.
Wie du an Geld kommst, bleibt dir überlassen." Daraufhin wird man mit Aufgaben, Geschichten und rekrutierbaren NPCs erschlagen. In jedem Stadtbezirk gibt es zahlreiche Ereignisse. Die meisten NPCs haben ausführliche Questreihen, die sich über das gesamte Spiel hinziehen. Romanzen sind auch möglich, und der Verlauf mit Anomen kam mir z. B. auch natürlicher und nicht so oberflächlich vor wie das, was ME zu bieten hatte. Das eigene Verhalten kann sogar die Gesinnung mancher NPCs verändern. Bleiben wir bei Anomen. Als er von seiner ermordeten Schwester erfährt, gibt es zwar einen Verdächtigen aber keine Beweise. Wenn man Anomen richtig (oder falsch?) beeinflusst, geht er auf einen Rachefeldzug und bringt den Verdächtigen mitsamt seiner Familie um - inkl. Tochter! Dabei wechselt er von Rechtschaffen zu Chaotisch Neutral. Der weitere Verlauf der Geschichte kann dazu führen, dass er die Party dauerhaft verlässt oder sie sogar angreift. Die Romanze wird davon natürlich auch beeinflusst, usw. Ebenso können sich manche NPCs untereinander nicht vertragen. Hält man z. B. Minsc und Edwin zu lange gemeinsam in der Party, eskalieren ihre anfangs noch unterhaltsamen Streiterein, bis Minsc schließlich Edwin angreift. Klingt extrem, hat aber seine Hintergründe in BG1.
Dann das Kampfsystem... Es hat sich im Vergleich zu BG1 nicht direkt verändert. Der große Unterschied ist nur, dass man auf einem höheren Level spielt. Dadurch bekommt man bessere Ausrüstung, man trifft auf mächtigere Gegner, es gibt mehr Statuseffekte und deutlich größere Vielfalt an Zaubern. Der kluge Einsatz von Magie ist deshalb viel wichtiger als noch im ersten Teil. Es gilt immer, die Gegnertypen und die Situationen richtig einzuschätzen und eine funktionierende Taktik zu finden - zumindest auf dem "Core" Schwierigkeitsgrad. Am spannensten fand ich vor allem Kämpfe gegen andere Magier, welche meistens damit beginnen, dass sie sich erst mal mit den verschiedensten Schutzzaubern eindecken. Während sie dann für ein paar Runden gegen physische Angriffe immun sind, fangen sie an, ihre eigentlichen Angriffszauber auszusprechen. Oft ist dann ein Balanceakt gefragt: Einerseits möchte man schnellstmöglich die Schutzzauber neutralisieren, andererseits muss man sich auch gegen die Angriffszauber und die anderen Gegner verteidigen. Mein einziger Kritikpunkt ist der Mangel an Informationen. Man kann einem Gegner nicht ansehen, durch welche Zauber er geschützt ist. Es steht nur direkt nach dem Aussprechen im Log sowas wie "MageXYZ - Protection from Magical Weapons", und wenn man es verpasst hat, muss man halt wieder hochscrollen und suchen. Natürliche Immunitäten werden gar nicht erst gemeldet, was mich vor allem bei Liches verwirrt hat. Die sind gegen Zauber bis Stufe 6 immun, und ein beliebter Konter gegen physische Schutzzauber, "Breach", ist eben genau Stufe 6. Gegen einen Lich also absolut nutzlos... Trotzdem gilt die Regel, dass es für alles eine Lösung gibt. Ein optionaler Kampf gegen Kangaxx, ein Demi-Lich, kam mir eher vor wie ein Puzzle, bei dem umfassende Kenntnis der Zaubersprüche vorausgesetzt wird. Man kann hier einen einzelnen Magier mit einer ganz bestimmten Zauberimmunität vorschicken, und der vorher unmögliche Kampf wird zu einem Kinderspiel. Andere Gegner (Drachen...) führen zu längeren Schlachten, die Improvisation fordern. Die meiste Zeit verbringt man in der Pause mit Micromanagement, und es ist toll. Das Kampfsystem war für mich das größte Highlight.
Throne of Bhaal konzentriert sich dann auch hauptsächlich auf die Kämpfe und verabschiedet sich von der erkundbaren Welt. Wie schon gesagt marschiert man dort nur von Ort zu Ort, um einen Bhaalspawn nach dem anderen zu töten. Die Handlung kommt zwar zügig voran, aber es fehlt die Würze. In den zwei kleinen Städten, die man besucht, steckt kaum Leben. NPC Quests sind auch größtenteils abgelaufen. Man merkt, dass die Entwickler nicht viel Zeit hatten. Dafür sind die Kämpfe noch eine Ecke spektakulärer. An dieser Stelle ist man schon so mächtig, dass man sich fast wie eine unerreichbare Gottheit vorkommen könnte, wenn es nicht die anderen Bhaalspawns und extraplanaren Dämonen gäbe. Dagegen wirken die ersten Begegnungen mit Kobolden und Hobgoblins in BG1 stinklangweilig.
Insgesamt super Spiel, und ich bin schon etwas traurig, dass es zu Ende ist. Es gehörte jetzt für lange Zeit zum täglichen Abendritual. Mal eben ein Stündchen weiterspielen... und dann werden es doch wieder zwei oder mehr Stunden. Von RPGs werde ich wohl erst mal eine Pause machen, aber Planescape: Torment steht noch auf der Liste. Und das neue Pillars of Eternity macht auch einen guten Eindruck. Mal sehen...
