Eine Rolle rückwärts mit Imageverlust
Als Nintendo das neue Handheld "Nintendo 3DS" ankündigte, war die Überraschung groß. Viele Fans fragten sich: "Wie jetzt, die kriegen 3D echt schon ohne Brille hin? Das muss ich sehen!" Mit einem Paukenschlag sorgte Nintendo damals dafür, dass der 3DS zunächst nicht als "normale" Nachfolgekonsole wahrgenommen wurde, sondern als etwas völlig Neues, etwas Innovatives - typisch Nintendo eben. Die Vorschusslorbeeren der Presse ("Nintendo 3DS could be 2011's most important gadget" - Forbes) impften Nintendo umso mehr Zuversicht ein. Es könnte also alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Denn der 3D-Effekt scheint nicht "DAS" ultimative Erlebnis zu verschaffen, das Nintendo seinen Fans bescheren wollte. Und das hat mehrere Gründe, die größtenteils auf eingangenen Risiken und falschen Abschätzungen Nintendos basieren.

Der Vorgänger. Der Nintendo DS konnte durch seine zugängliche Bedienung erstmals eine Schar an Menschen für Videospiele begeistern, die sich vorher nicht getraut haben, sich mit dem Medium zu befassen. Auch die Hardcore-Gamer der alten Schule griffen zum Nintendo DS, weil ihr Verlangen nach anspruchsvollen Titlen ebenfalls erfüllt wurde. Das Ergebnis: Über 150 Millionen weltweit verkaufte Einheiten, die sogar die Verkaufszahlen des ehrfürchtigen Game Boy übertrafen. Was beim Nintendo DS der Touchscreen war, sollte beim Nintendo 3DS der 3D-Effekt sein. Verglichen mit dem DS wirkt der 3DS mittlerweile jedoch mehr wie ein aufgebohrter DS, als eine eigenständige und neue tragbare Konsole. Und das führt dazu, dass viele Fans sich denken: "Wieso soll ich mir jetzt einen 3DS holen? Mein DS reicht mir völlig aus." Dass Nintendo nun auf der eigenen Homepage damit wirbt, dass der Nintendo 3DS die Software seines Vorgängers in "vertrautem" 2D abspielt, soll sie dennoch überzeugen. Ob das jedoch funktioniert, darf bezweifelt werden.

Die 3D-Technologie an sich. Natürlich ist es eindrucksvoll, wenn Links Masterschwert aus dem Bildschirm herauszuschwingen scheint oder in einem Mario-Jump'n'Run Feuerbälle Richtung Spieler unterwegs sind. Aber: Kann man gleichzeitig von den Spielern verlangen, dies nur richtig wahrnehmen zu können, wenn man den 3DS in einem bestimmten Winkel hält? Gerade beim Spielen mit einem Handheld lümmelt man sich gerne bequem aufs Sofa und spielt in einer angenehmen Position. Und man möchte nicht dazu gezwungen sein, mit vorbildhafter Sitzhaltung zu spielen, um den 3D-Effekt voll auszukosten. Die 3D-Technik ist also im Endeffekt noch nicht so ausgereift, als dass sie uneingeschränkt alltagstauglich ist. Und so schalten sie viele Spieler einfach ab. Und hinüber ist's mit dem eigentlich prägenden, von Nintendo gedachten Kaufargument.

Der Launch. Nintendo stellte den Publishern das Feld zur Verfügung und ließ sie darauf aussäen, ohne sich einzumischen. Was dabei herauskam, war leider eine missratene Ernte: Bis auf "Street Fighter IV - 3D Edition" dürfte kein Launch-Spiel als prägender und spielspaß-starker 3DS-Titel in Erinnerung bleiben. Natürlich darf man einerseits zum Launch nicht sofort die handwerklich besten Spiele erwarten, schließlich lernen die Entwickler während des Zyklus' einer Konsole dazu. Aber: Der Launch des 3DS fiel mit eher mittelprächtigen Spiele der Drittentwickler und der Zurückhaltung Nintendos ins Wasser. Was mal wieder zeigt: Videospielsysteme von Nintendo sind von Spielen aus dem eigenen Hause abhängig. Es muss für die meisten 3DS-Besitzer einer Erlösung gleich gekommen sein, als im Sommer das 3D-Remake von "The Legend Of Zelda: Ocarina Of Time" erschien. In den nächsten Monaten kommen sie dann auch endlich, die angekündigten Titel von Nintendo höchstpersönlich. Und Allzweckwaffe Mario soll die prekäre Situation zurechtrücken.
Der Preis. Dass der Preis eines neuen Systems den Preis des Vorgängers übertrifft, ist keine Seltenheit, sondern eigentlich eine feste Regel. Dass man jedoch - wollte man direkt zum Start einen 3DS haben - über 100 Euro mehr als für den DS bezahlen musste, ließ viele Fans von einem frühen Kauf absehen. Und die fühlten sich in ihrer Zurückhaltung vermutlich bestätigt, als der 3DS - so schnell wie noch kein Nintendo-System zuvor - im Preis einschneidend reduziert wurde und nun im Endeffekt genau so viel kostet, wie ein DS zum damaligen Zeitpunkt. Mit anderen Worten gesteht sich Nintendo damit ein, seinen Fans einfach einen zu hohen Einführungspreis zugemutet zu haben. Und legt dabei eine Rolle rückwärts mit Imageverlust hin. Vertröstet werden sollen die Erstkäufer mit zwanzig NES- und GBA-Klassikern, die zum kostenlosen Download bereitstehen. Aber wenn wir ehrlich sind: Haben eben diese Spiele die meisten langjährigen Nintendofans nicht sowieso schon zu Hause im Regal stehen?

Was lässt sich abschließend über den 3DS und seine Zukunft sagen? Zunächst einmal kann man glücklicherweise ausschließen, dass er als ähnlicher Misserfolg wie der "Virtual Boy" enden wird, der Mitte der Neunziger Jahre mit seiner (ebenfalls) unausgereiften Technik den größten Flop in Nintendos Geschichte darstellte. Denn dafür hat sich der Nintendo 3DS - auch wenn er natürlich noch nicht der erhoffte Erfolg ist - schon zu gut verkauft. Allerdings kommt vereinzelt das Gefühl auf, dass Nintendo sich mit dem 3DS einfach zu sicher war und etwas blauäugig davon ausging, dass jeder DS-Besitzer - überzeugt von dem 3D-Effekt - auch zu dem Nintendo 3DS greifen wird. Das Konzept ging jedoch wegen den oben genannten Gründen zunächst nicht auf und man zog mit der Preissenkung die Notbremse. Auch der Umstand, dass der 3DS bald mit einer qualitativ minderwertig anmutenden Slidepad-Erweiterung versorgt wird, spricht nicht für im Vorfeld ausreichend erfolgte Planungen und getätigte Marktforschung. Nun muss Nintendo jedoch damit leben, dass das Konzept nicht planmäßig aufgegangen ist und die Konkurrenz sich ins Fäustchen lacht. Als alteingesessener Nintendofan hofft man, dass der 3DS-Zug schon bald mit erfolgsversprechenden Titeln wie "Mario Kart 7", "Star Fox 64 3D" oder "Super Mario 3D Land" wieder an Geschwindigkeit aufnehmen wird. Ansonsten könnte 3D auf dem Videospielsektor vermutlich zunächst das bleiben, für das viele Skeptiker es nach wie vor halten: Eine Mode-Erscheinung.
(Adrock)
















