In New Super Mario Bros. Wii kann man im Multiplayer-Modus als Mario, Luigi oder als Toad in zweifacher Ausführung spielen. Als Nintendos berühmter Designer Shigeru Miyamoto vor dem Release des Spiels gefragt wurde, warum denn nicht Prinzessin Peach statt der uniformen Toads in den Mehrspielermodus integriert worden ist, da zögerte er und meinte, dass es zwar nett gewesen wäre, aber Toads Physik viel mehr der von Mario ähneln würde. "Und wenn einer der vier ein Kleid getragen hätte, dann hätten wir das ja speziell programmieren müssen, wie sich das Kleid im Spiel verhält.", scherzte er.
Ich kenne diesen legendären Entwickler - der Mann ist verantwortlich für viele meiner ganz persönlichen Hits der letzten 20 Jahre - und ich weiß, dass er über Peachs Kleid nur Witze gemacht hat, aber es ist auch vielmehr der erste Teil seiner Aussage, den ich interessant und beunruhigend zugleich finde. Er sagt vor einem ganzen Raum voller Journalisten, dass der einzige Grund, warum man als Spieler in die Rolle zweier verschieden farbiger Toads schlüpfen muss, anstatt die Kontrolle über Peach oder einen anderen geliebten Charakter aus dem Pilzkönigreich zu übernehmen, der ist, dass Toad ähnliche Maße wie Mario hat und es für Nintendo schlicht einfacher war, ihn dann zu recyceln.
Mit Verlaub, Herr Miyamoto, Sie sind sicher ein anerkanntes Genie und ein Innovator, aber DAS ist einfach nur faul. Entweder das, oder Nintendo hat es nicht mehr nötig, sich die Hände dreckig zu machen bei ihrem hartnäckigen Streben nach Gewinnoptimierung. Wir sprechen hier nicht von einem 2-Mann-Entwickler-Studio in der Garage, dessen Mitarbeiter erst dann zu arbeiten beginnen, wenn die Kinder im Bett sind. Nintendo ist ein Multi-Milliarden Konzern mit abertausenden von Angestellten, von denen viele aus der Videospielindustrie das gemacht haben, was wir heute kennen. Ein Finanzgigant mit ungeschlagener Erfahrung darin, Spiele zu entwickeln. Dass so ein Konzern darüber nachdenkt, einen Charakter zu recyceln bei einer ihrer beliebtesten und lukrativsten Frachises, weil es vielleicht Zeit, Geld oder was auch immer spart, scheint lächerlich zu sein. Dass Nintendo es trotzdem tat, ist umso unglaublicher.

New Super Mario Bros. Wii schaut fast wie der DS-Vorgänger aus.
Leider ist das kein Einzelfall, da ich sonst keine Kolumne schreiben würde. Seit die Wii erschienen ist, spart Nintendo an allen Ecken und Kanten. Natürlich nicht überall und immer - man legt sich zwischendurch und immer wieder mal auch voll ins Zeug und entwickelt unvergleichlich traditionelle Spielerfahrungen wie Super Mario Galaxy, eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Nintendo hat das artistische Können und die technische Brillanz, um die Wii weiter an ihre Grenzen zu treiben, als jede andere Firma es vermag. Aber allzu oft scheren sie sich nicht darum, um entweder Geld oder Zeit zu sparen, indem man kleinere Studios unterhält oder sich einfach weniger um die Projekte kümmert.
Doch säumen wir das Pferd von hinten auf. Die Wii Remote ist ein ganz außergewöhnliches Stück Technologie, welches die Art und Weise, wie wir Spiele spielen, vollständig verändert hat. Nintendo gebührt großer Respekt dafür, dass sie die nötige Weitsicht hatten, um sich vom Konsolenkrieg zurückziehen zu können und etwas komplett Neues zu versuchen. Ganz offensichtlich hat es sich gelohnt. Ich habe Nintendos Entwicklung vom Nintendo 64 über den GameCube bis hin zur Wii miterlebt und verfolgt und ich erinnere mich an all die Entscheidungen und Kommentare, die von der Vorstandsriege gemacht wurden. Wii existiert heute, weil Nintendo brillant ist, aber auch, weil man stark steigene Entwicklungskosten sah, einen erhöhten Zeitaufwand und überhaupt einen viel aufwändigeren Entwicklungsprozess. Und genau das wollte man nicht. Ein cleverer Schachzug für die Businessleute. Aber für Spieler, die High-End-Grafiken und Surround-Sound wertschätzen - und davon gibt es Millionen, ganz nebenbei; wir sind keine Niesche, wie die 6 Mio. verkauften Einheiten von Modern Warfare 2 im November belegen - ist es nur ein Schlag ins Gesicht und ein klarer Beweis dafür, dass es vor allem um Gewinnoptimierung geht.

Wii Music ist ein peinliches Beispiel dafür, wie Nintendo versucht Kosten bei der Präsentation zu sparen.
Die Wii ist stärker als der GameCube. Sie wird keine HD-Titel spielen. Lächerlicherweise wird sie nicht mal Dolby Digital Surround Sound ausgeben - ein Standard, den schon die Playstation 2 vor neun Jahren setzte -, weil die Hardware lediglich Stereo-Komponenten beherbergt. Nintendo erschuf eine Konsole, die man kostengünstig herstellen und so mit einem (im Vergleich) reduzierten Preis verkaufen konnte. Das ist ein ehrenwerten Ziel gewesen. Ein Nebeneffekt davon ist nun, dass, weil die Wii hardwaremäßig nicht mit den Mitbewerbern von Sony und Microsoft mithalten kann, die Spieler Nintendo quasi die Erlaubnis gegeben haben, mit Spielen anzukommen, die zeitlich eigentlich in die Vergangenheit gehören und die nicht in die Zukunft weisen.
Nintendo hat mit Wii Sports vieles auf eine Karte gesetzt. Die nötige Portion Mut gehörte da schon dazu, weil es auch anders hätte laufen können. Ich kann mich gut erinnern, als ich es das erste Mal kurz vor der E3 in einem streng bewachten Zelt jene Wii-Demo gespielt habe. Damals war sich niemand im Klaren darüber, welche Richtung Nintendo einschlagen würde. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie überrascht ich war, von arm- und beinlosen Mii-Gestalten begrüßt zu werden, die sowohl hübscher Texturen als auch flüssiger Animation entbehrten. Ich dachte wirklich, man habe bei Nintendo vollständig den Verstand verloren. Aber dann, natürlich, spielte ich es und verstand allmählich die Qualität.
Wir alle loben Nintendo dafür, das Gameplay und nicht den grafischen Pomp an die Spitze der Kriterien zu stellen; seit ihrem Konzept, dass Spiele zuerst einmal dafür gemacht sind, Spaß zu machen, und dann erst dann alles weitere kommt. Nintendo scheint das mehr als jeder andere Entwickler auf der Welt begriffen zu haben. Deswegen werden manchmal grafische Schwächen in ihren Spielen auch - nicht unwillkommen - von superber Steuerung und genialem Spieldesign überdeckt. Aber man darf eines nicht übersehen: Wii Sports ist auch ein Kind von Nintendos Gewinnoptimierung und, jawohl, bis zu einem gewissen Grade auch ihrer Faulheit. Die Entwickler hätten auch einen simplen, leicht zugänglichen Stil mit vielen Details und Effekten erschaffen können, aber sie entschieden sich dagegen. Wii Sports besitzt einen frischen, sauberen Grafikstil, aber auf der anderen Seite ist er furchtbar generisch, statisch und ehrlich gesagt archaisch. Nintendo opferte weniger Zeit, Energie und Geld für die Grafik, weil man einen anderen Trumpf im Ärmel hatte, nämlich die neue bewegungssensitive Steuerung. Warum aber sollte Innovation auf Kosten der Präsentation daherkommen? Weil es einfach leichter und günstiger ist.
Weniger Energie reinstecken, Kosten begrenzen und irgendwie trotzdem mehr Geld machen. Leider tauchen dabei nur noch ganz wenige epische Hardcore-Titel wie Legend of Zelda: Twilight Princess oder Super Mario Galaxy auf. Das ist das Mantra, das Nintendo während der Wii-Zeit pflegt. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber ich könnte ein Dutzend Beispiele aufzeigen...von aktuellen Spielen bis überholte Charaktere, an denen die Firma nur festhält (soweit ich das sagen kann), weil man sich doch nur so ungern verändert.

Die Wii Kontrollen in New Play Control! Mario Power Tennis sind denen des Originals unterlegen!
Da ist zum Beispiel Wii Play. Darin findet sich keine Einzelspieler-Erfahrung, die nicht auch kostenlos und beinahe möchte ich sagen auch besser auf dem IPhone zu finden ist. Es ist eine Ansammlung von lauen Mini-Spielen, von denen einige nicht mal Spaß machen. Eine simple, technische Demo für die Wii Remote. Und Nintendo scheffelt ungebremst Kohle damit, nur weil man es im Bundle mit einer Wiimote verkauft. Es ist das sich am besten verkaufende "Spiel" dieser Generation.
Und lasst mich gar nicht erst von Wii Music anfangen... einem so einfachen Spiel, dass es sich nicht nur fast von selbst spielt, sondern auch noch mit einem klassischen Soundtrack daherkommt (weil Nintendo sich so die Lizensierung sparen konnte) und darüberhinaus nur Musik im MIDI-Stil enthält (weil das leichter und günstiger zu produzieren ist als orchestrale Lieder). Den Begriff "Gewinnoptimierung" hätte man auch gleich aufs Logo packen sollen.
Und was ist mit traditionelleren Titeln wie, sagen wir mal, Animal Crossing: City Folk? Die Serie ist seit langem ein Fan-Favorit wegen ihres non-linearen und sehr freien Gameplays. Als Nintendo damals das erste Mal andeutete, dass man an einer neuen Version von Animal Crossing arbeitet, dachten viele Wii-User gleich mal über die unendlichen Möglichkeiten nach. Eine viel größere Stadt zum Erkunden. Online- Gameplay. Vielleicht würde Nintendo sogar eine Art Massive-Multiplayer-Experience erschaffen. Aber nein! City Folk wurde nur mehr eine allzu bekannte Crossover-Version irgendwo zwischen dem GameCube- und dem DS-Spiel. Keine wirklichen Innovationen, keine bessere Präsentation, die irgendwie Gebrauch von den Wii-Fähigkeiten machte. Sicher irgendwie noch spaßig, aber ganz gewiss faul.
Und es wird schlimmer. Man denke nur an die Spiele, die mit aufgestülpten Wii-Kontrollen erneut erschienen. Sie benötigen nur minimales Engagement seitens Nintendo und bringen leichtes Geld. Hier kommen die New Play Control!- Spiele: Pikmin, Pikmin 2, Donkey Kong Jungle Beat, Mario Power Tennis, Chibi Robo und sogar Metroid Prime 1 und 2 auf allen wichtigen Märkten. Und einige von diesen Spielen - wie DK Jungle Beat und Mario Tennis - sind sogar auf Wii schlechter als ihre Originale. In weniger als einem Jahr brachte man sieben von diesen Spielen in die Händlerregale, drei davon wurden intern entwickelt. In der gleichen Zeit entwickelte man nur fünf neue Wii Spiele: Animal Crossing, New Super Mario Bros. Wii, Wii Music, Wii Fit Plus und Wii Sports Resort.
Möchte man zynisch werden, dann schauen sowohl Animal Crossing als auch New Super Mario Bros. Wii genau wie ihre DS-Vorbilder aus und spielen sich auch noch so. Das einzig wirklich neue vom Letzteren ist nur der Mehrspielermodus. Wii Music ist ein fadenscheiniges, nicht befriedigendes Spiel. WiiFit Plus ist ein marginales Update eines bereits erschienenen Spiels und wird auch noch zum günstigen Discount-Preis angeboten. Und Wii Sports Resort ist einfach ein neues Paket an Minispielen. Man mag das zu hart nennen, da viele dieser Spiele schließlich trotzdem ziemlich gut sind. Und doch standen hinter keinem von ihnen die Manpower, die Finanzen oder auch nur die Anstrengung, die hinter Spielen wie Twilight Princess oder Galaxy standen. Für mindestens ein Jahr nun hat Nintendo es sich leicht gemacht und spielte auf Nummer sicher.

Epische Werke wie Zelda - Twilight Princess sind selten geworden.
Mal ehrlich, warum sollte Nintendo es anders machen, wenn ihre Strategie aufgeht, sie ihnen Millionen einbringt und zugleich von weiten Teilen der Fans ungefragt akzeptiert wird? Einige von ihnen verteidigen sogar jeden einzelnen Schritt des Unternehmens vehement. Ich habe so viele Entschuldigungen gehört. Die primitiven Grafiken von Wii Sports seien beabsichtigt und damit völlig in Ordnung. Natürlich, die Charaktere haben weder Arme noch Beine, ihnen fehlen alle Animationen, sie haben keine vernünftige Geometrie und keine wirklichen Texturen, aber das Spiel sollte ja simpel ausschauen. Hallo? Es soll einsteigerfreundlich sein, nicht abschreckend! Aber hey, alles würde frisch ausschauen und laufe absolut flüssig. Ok, lassen wir sie damit durchkommen. Und was, wenn New Super Mario Bros. Wii sich nicht anders spielt und nicht anders aussieht als sein DS-Vorgänger? Wen stört es schon, wenn die Grafik nicht umwerfend ist? Es macht Spaß, oder? Das zählt doch.
Es ist ironisch, weil ganz genau DER Nintendo Hardcore Fan so argumentiert, der am meisten von den veränderten Vorzeichen der Firma betroffen ist. Abgesehen von den seltenen Ausnahmen - nur Appetithäppchen für die hungernde Meute - bekommen wir eben nicht die Titel, die wir wollen, weil Nintedo eine Gewinnformel gefunden hat, die daraus besteht, schneller kosteneffiziente Software zu entwickeln. Dann setzen sich die Herren hin und ernten den Erfolg. Der erweiterte Kundenstamm liest nicht jedes Wort, das über den nächsten Titel der Zelda-Serie geschrieben wird. Er kümmert sich nicht darum, dass New Super Mario Bros. Wii vielleicht nicht ganz so schön ist, wie es sein könnte. Aber wir tun es! Und viele von uns verteidigen sie sogar dafür und das, obwohl ihre Motive niederer Natur sind: Es geht ums Geldverdienen, nicht um uns Spieler. Wir feiern die monatlichen Verkaufszahlen und dann setzen wir uns erneut an Super Mario Galaxy, Twilight Princess und Smash Bros., darauf wartend, dass irgendwann das nächste, ganze große Spiel erscheint.
von: Matt Casamassina (IGN)
das englische Original: http://uk.wii.ign.com/articles/105/1054621p1.html
(relativ frei) übersetzt von mir
Ich stelle das einfach mal zur Diskussion. Ich finde, der Text enthält viele Gedanken, die auch hier im Forum immer wieder eine Rolle spielen und fasst alles gut zusammen. Wie steht ihr dazu? Kann man einer Firma wie Nintendo Gewinnoptimierung wirklich vorwerfen? Und betreibt Nintendo das wirklich so exzessiv, wie hier dargestellt?
Wie gesagt, das ist eine Kolumne von IGN, sie stimmt NICHT von mir, auch wenn ich sie in vielen Punkte teile und deswegen hier auch übersetzt habe.





















