Selten so ein komisches Gefühl bei einem Date gehabt.
Ich schmeiße mein Fahrrad in die Büsche und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Vor mir liegt die Schule, an der ich Abi gemacht habe, einsam und grau im gelben Feld. Die Sonne brennt auf sie herab und hat sämtliche Grünflächen drum herum in den letzten Wochen der Sommerferien vertrocknen lassen.
So recht weiß ich nicht, was ich hier will und ob herzukommen die richtige Entscheidung war. Und trotzdem will ich ihn sehen.
Beim Gedanken an den Jungen, der mich auf den Stufen des Pausenhofs erwarten wird, steigt mir die Röte ins Gesicht. Ich bleibe vor dem leeren Schulgebäude stehen und atme tief durch. Meine Hand gleitet in meine Tasche und zieht das Handy heraus. Ohne, dass ich es bewusst steuere, ist die SMS von gestern Nacht aufgerufen. „Morgen 18.00 an unserm bekannten Platz.“ Mein Handy erkennt die Nummer nicht wieder. Der Absender wurde vor einem Jahr aus dem internen Telefonbuch gelöscht.
Ich sehe auf die Uhr. Es ist kurz vor 6.
Die Hitze knallt vom Himmel auf mich herunter. Ich fühle mich klebrig und wische mir über die Stirn. Wer hätte gedacht, dass es doch noch so heiß wird am Ende dieses Sommers.
Ich versuche mir den Jungen vorzustellen, in dem ich einst meine Zukunft gesehen habe und, der nun auf mich treffen wird. In meinen Gedanken sehe ich einen schlanken Jungen, ein Stück größer als ich. Er trägt ein schwarzes Band-Shirt, eine weite schwarze Hose und dunkelrote Chucks. Das Gesicht unter dem Cap bleibt ein hautfarbener Fleck.
Ich schließe fest die Augen. Was auch immer mich erwartet, ich werde es erst sehen, wenn ich auf den Pausenhof laufe.
Ich schlucke. Und dann bewegen sich meine Füße.
Verwirrt denke ich: Es ist unerhört, dass er mich in den Wahnsinn treibt, nachdem er sich zwei Jahre lang nicht gemeldet hat. Es ist sowieso unerhört, dass er mich um ein Treffen bittet. Noch unerhörter ist es, dass ich überhaupt komme.
Ich bleibe stehen. Ich weiß genau, dass er auf den Treppen gegenüber des Schulgebäudes sitzen wird. Dort, wo wir immer saßen. Ein Schritt trennt mich von seinem Anblick.
Dies ist der Moment. Ich könnte abhauen. Und genau das sollte ich. Mein Verstand weiß das genau.
Und dann laufe ich. Ich weiß, dass er weiß, von welcher Richtung ich komme. Ich kam immer aus dieser Richtung. Ich weiß, wo er sitzt. Er saß immer schon dort.
Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich blinzle, doch ich kann ihn nicht erkennen. Ich laufe schneller. Ich will ihn sehen.
Jemand sitzt auf den Stufen. Er trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes Shirt mit Aufdruck und dunkelrote Chucks.
Ich stehe vor ihm. Ein Baum erstreckt sich vor die Sonne und gibt mir klare Sicht.
Das ist nicht der Junge, der bis vor zwei Jahren mein Freund war. Das ist ein Mann.
Er steht auf und sieht mir in die Augen.
Ich habe mir eingeredet, dass er mir egal ist. Ich habe es sogar geglaubt. Und doch fühle ich nun meinen Herzschlag in meinen Venen so heftig pumpen, dass ich Angst habe, er reißt mich entzwei.
Er trägt dasselbe Cap. Denselben Gürtel. Denselben Ausdruck, als er mich mustert. Und doch ist er viel erwachsener als früher.
Und plötzlich zögert er nicht mehr und wirft die Arme um mich. Stocksteif lasse ich es mit mir geschehen. Ich spüre seine Nähe ganz deutlich. Mein Kinn liegt nicht mehr auf seiner Schulter. Er ist gewachsen. Vorsichtig lege ich meine Arme um seinen Rücken. Er fühlt sich an wie jeder andere Junge. Aber bei jedem anderen Jungen erlaubt mein Puls mir das Atmen noch.
Erst nach einer Weile spüre ich den Unterschied: Er riecht anders. Anders, als andere Jungen, aber kein Junge riecht gleich. Er riecht gut. Er riecht toll. Er riecht -
Endlich löst er unsere Umarmung auf und sieht mir ins Gesicht. Er sagt meinen Namen, spricht ihn so aus, als würde er sich damit alles in Erinnerung rufen, was mich ausgemacht hat.
„Anna“, wiederhole ich und es kommt mir vor, als wäre der Name auch nur eine Nummer in seiner Liste.
Er lächelt und zieht mich an der Hand zu sich auf die Stufen.
„Es ist unglaublich warm“, sagt er, während ich mich neben ihm nieder lasse.
„Das ist es“, sage ich und starre zu Boden.
Ich spüre seinen Blick auf mir. Ich möchte ihn nicht ansehen.
„Dabei hat es an Siebenschläfer geregnet“, wirft er ein.
Das erscheint mir in dem Moment so passend und unpassend zugleich, dass ich laut loslache. Auch er lacht.
Das Eis bricht. Und das auch noch so schnell. Er sieht mir noch immer in die Augen, als ich nicht mehr lache. Ich grinse. Er grinst. Ich sehe ihn mit mir am Neujahrsmorgen mit dem größten Kater meines Lebens vor dem Haus meiner Eltern die Überreste der Feuerwerkskörper der letzten Nacht aufsammeln. Unser Atem stieg von unseren Mündern in hellen Wolken in den Himmel. Ich trug dicke Handschuhe, er hatte die Hände in seinen Jackentaschen vergraben. Ich lief ins Haus und holte ihm die Handschuhe meines Vaters. Und während wir die Feuerwerkskracher zusammensuchten und durch den dicken Schnee stapften, blieb er stehen und nahm meine behandschuhte Hand. Er küsste mich das erste Mal und mir war so schwindelig, dass ich mich an ihm festhalten musste, um nicht hinzufallen. Leons dunkle Haare schauten keck unter den Seiten seiner Mütze hervor. Er grinste, ich grinste, der Schnee glitzerte und die roten Böller strahlten.
Dasselbe Grinsen empfange ich nun und sauge es begierig in mir auf. Es erinnert mich daran, wie schön es ist, bei ihm zu sein, macht mich aber auch darauf aufmerksam, wie gefährlich es sein kann.
„Es ist wirklich lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagt er langsam und kickt einen Stein vor sich weg. Obwohl er gar nicht so viel Kraft investiert hat, fliegt der Stein mit nur wenig Entfernung zum Boden einige Meter weit, bis er aufkommt und hüpfend zum Stillstand kommt.
„Zwei Jahre und 1 ½ Monate“, antworte ich und beiße mir auf die Zunge. Vor dem Treffen habe ich genau ausgerechnet, wie viel Zeit vergangen war. Trotzdem soll er nicht wissen, wie viel ich darüber nach gegrübelt habe.
„Tatsächlich?“, fragt er und kratzt sich am Kopf, „Es kam mir gar nicht so lange vor.“ Er sieht mich an. „Wie geht es dir?“
„Muss, muss“, antworte ich träge.
„Ach sind wir jetzt bei den Floskeln angekommen?“, fragt er und stößt mir spielerisch in die Seite, „dann mach ich direkt weiter: Und sonst so?“
Ich sehe ihn an. Die dunklen Strähnen sind ein Stück länger als sonst, doch genauso keck wie an jenem Neujahrsmorgen lugen sie unter seiner Kappe hervor.
Ich bin verwirrt, weiß nicht, wie ich antworten soll.
„Ach, Annie“, sagt er liebevoll und es ist derselbe Tonfall, den er schon damals gebrauchte, als er mit mir im Auto seines Vaters saß, er am Steuer und ich als Beifahrer. „Was soll das bedeuten, 'Du willst dich verwirklichen?!'“, hatte ich unter Tränen gerufen, „und warum soll man deswegen nicht mehr zusammen sein können?!“ „Ach, Annie“, sagte er zärtlich und fuhr mir mit der Hand über die Wange. Für den Moment, in dem er mich berührte, kam mir das alles nicht mehr so schlimm vor. Er machte gerade mit mir Schluss, weil er nach dem Abi eine Menge ausprobieren wolle, wie er sagte. Doch seine Hand war warm, sie war an meiner Wange, berührte meinen Hals. Ich kann mich daran erinnern, gedacht zu haben: Genieß die Berührung seiner Hand, du wirst sie nie mehr wieder spüren, es ist aus, aus, aus...
Und nun berührt diese warme Hand meine Wange, strich mir vorsichtig die Haare aus dem Gesicht, fuhr hinab zu meinem Hals.
„Ach, kleine Annie“, sagt er leise und ich sehe ihn wieder neben mir im Auto sitzen, in Schlips und Kragen, der Abiball war gerade vorüber. Ich rieche das Leder der Sitze des Audis und höre mich verzweifelt fragen: „Warum denn schon ab morgen?“
„Ich möchte es so“, sagte er damals und seine Hand fand langsam meine, „ich hab so viel vor.“
Ich war beschwipst und das wusste ich, trotzdem zuckten verwirrte Tränen meine Wangen hinunter und fielen auf mein Ballkleid. Meine Füße brannten von den hohen Schuhen.
„Es tut mir Leid“, sagte er leise und drückte meine Hand.
Ich zog sie weg, riss die Autotür auf und rannte hinaus in den strömenden Regen. Als ich vom Auto zur Haustür lief, veränderte sich für einen kurzen Moment alles: Der Himmel wurde hell, der Boden von weißem Schnee bedeckt, rote Böller leuchteten auf der Straße. Leon, der ja eigentlich im Auto saß, stand neben mir, streckte die Hand nach mir aus und alles war perfekt. Doch das war nur eine ein halbes Jahr alte Szene aus meinem Leben.
Klatschnass stand ich vor der Haustür und wartete, während der schwarze Audi noch immer an der Straße stand. Ich wartete und wurde immer nasser, doch er stieg nicht aus, er folgte mir nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit kramte ich den Schlüssel aus meiner Tasche und floh ins Haus. Noch während ich die Tür aufriss, hörte ich, wie er den Motor anließ um davon zu fahren.
Nun lächelt er mich an und kriegt es fast hin, dass ich den Ärger und die Wut auf ihn vergesse. Sein Blick ist intensiv. Es ist der intensive Blick, der mein Leben schon auf den Kopf gestellt hatte, als die Lehrerin ihn vor über drei Jahren das erste Mal mit in die Klasse gebracht, vorgestellt und auf den leeren Platz neben mich gesetzt hatte.
„Sei ehrlich. Wie geht es dir wirklich?“
Ich hole tief Luft, zögere. „Die Wahrheit hast du nicht gar nicht verdient!“, fahre ich ihn an.
Er lacht. Die Grübchen bilden sich auf dieselbe Weise wie früher. „Ach komm. Du wirst mir wohl kaum erzählen, dass du seit zwei Jahren täglich an mich denkst und mir nachtrauerst, oder? Also, erzähl doch mal.“
Ich sehe ihn ernst an. Es war ein Fehler, sich diesem Jungen hinzugeben und auch nun weiß ich, dass es wieder einer ist.
Er erwidert meinen Blick.
Ich kann nicht reden. Ich möchte ihm nicht sagen, dass er Recht hat. Zugleich fühle ich mich entwaffnet, da jeder Versuch es zu leugnen nach einer Lüge aussehen würde.
„Oh Annie“, sagt er gerührt. Ich fühle mich elend, benutzt. Dabei hat er ja bis jetzt noch gar nichts Schlimmes gemacht.
Ich spüre seine Nähe. Seine Anwesenheit nimmt mich gefangen. Sein Bein berührt meines, seine Hand hält meine bestimmend in ihrem Griff.
Sein Blick wirkt geheimnisvoll auf mich. Meine Gedanken kommen nicht an der Frage vorbei, ob er zurückgekehrt sei, um mir zu sagen, dass er wieder mit mir zusammen sein möchte.
„Erzähl du doch“, sage ich nun so gleichgültig wie nur möglich, „wie sieht es aus bei dir? Hast du dich nun verwirklichen können?“ Ich möchte es nicht, trotzdem ist klar die Verachtung in meiner Stimme zu erkennen.
„Oh ja“, sagt er und blickt auf den Pausenhof, als würde er die Ereignisse der letzten zwei Jahre ordnen, „ja, ich habe wirklich viel erlebt.“
„Fühlst du dich jetzt kompletter?“, frage ich. Es klingt abwertend.
„Weißt du“, er sieht mir scharf in die Augen, „für mich gehören einige Erlebnisse zum Leben dazu. Es gibt Dinge, die man getan haben muss... Du musst einmal einen hohen Berg bestiegen haben... Einmal schnorren gehen... Oder Sex mit einer Nutte haben. Du musst dich beispielsweise auch einmal von einem geliebten Menschen trennen, um zu erfahren, wie weh das tut. Verstehst du?“
Sprachlos nicke ich. Was er sagt entspricht nicht meinen Idealen, nicht dem, was ich vom Leben erwarte. Doch aus seinem Mund ergibt es so viel Sinn.
„...Hätten wir das alles... denn nicht zusammen...?“, frage ich hilflos.
Energisch schüttelt er den Kopf. „Nein, Annie. Das sind Dinge, die man allein erfahren muss. Das ist alles zu extrem für eine Beziehung.“
Ich nicke und verstehe ihn vollkommen. Seine Ziele, seine Vorstellungen – er hat sie verwirklicht. Ich sehe ihn an und finde ihn wundervoll.
„...Wobei... es gibt eine Sache, die wir zusammen tun könnten, wenn du das möchtest“, sagt er vorsichtig und sieht mir wieder in die Augen.
Er ist derselbe Junge wie früher. Nur als Mann. Er ist mein Junge, war es immer. Das spüre ich.
Wieder nicke ich.
„Ich möchte etwas ausprobieren... Was zu meinen Erfahrungen dazu gehören sollte“, sagt er schließlich, „allein kann ich das nicht.“
„Ich werde dir helfen!“ Plötzlich bin ich Feuer und Flamme. Was auch immer er tun will – ich will es mit ihm zusammen tun. Ich wollte es die letzten zwei Jahre, wollte es, während er mit mir zusammen war und wollte es schon, seit die Lehrerin ihn das erste mal auf den freien Platz neben mich gesetzt hat.
„Es kann sein, dass es dir erst mal unangenehm ist“, sagt er leise und schaut mich unsicher an.
„Das ist mir egal“, antworte ich. Ich verrenne mich und das schon wieder, ich weiß es. Aber ganze zwei Jahre habe ich auf ihn gewartet und nun ist der da.
„Wenn du es möchtest, lasse ich dich danach nie wieder los“, sagt er.
„Versprichst du es?“, frage ich. Nein, ich frage nicht, ich flehe.
„Ich verspreche es dir“, sagt er mit fester Stimme.
Die Sonne neigt sich, die Schatten wachsen. Er sitzt neben mir und hält meine Hand. Alles ist so perfekt. Er ist perfekt. Er ist das, was ich immer wollte. Und nun ist er da.
Ich habe keine Ahnung, was er mit mir vorhat. Es ist mir egal, so lange ich bei ihm bin.
„Bist du bereit?“, fragt er.
„Immer“, antworte ich und lächle.
Er rückt an mich heran und legt den Arm um mich. Er ist mir so nah, wie er es seit dem Abend auf dem Abiball nicht mehr war. Ich spüre seinen Atem und höre seinen Herzschlag, der nur durch meinen übertönt wird.
Er sieht mir mit diesem intensiven Blick in die Augen. Ich zittere.
Dann küsst er mich. Der Kuss ist fordern und bestimmend. Ich spüre sein Gewicht auf mir, während er meinen Oberkörper auf den Boden drückt.
Ich wehre mich nicht. Er hat die Gewalt über mich. Und genau so soll es sein.
Ich spüre, wie geil er ist. Seine Küsse sind wild, seine Hände schnell. Er presst sich an mich und ich finde es toll.
Er hält inne. In seiner Hand blitzt etwas. Und noch während ich versuche, meine wirren Gefühle zu ordnen, saust ein Schmerz durch meine Brust. Er stiehlt mir den Atem und jede Möglichkeit, Luft zu holen.
Ich öffne die Augen und sehe, wie er das Messer wieder und wieder in meine Brust bohrt.
Absurderweise denke ich: Welch eine fantastische Idee.
Seine blitzende Hand hebt und senkt sich. Messerstiche bohren sich unaufhaltsam in meine Brust, in meinen Bauch. Ich sehe ihn an. Er schaut mir in die Augen. Er will genau mitkriegen, wie ich nun aussehe.
Ich schreie nicht, ich winsele nur. Zum Schreien fehlt mir die Luft und als ich noch Luft hatte, wusste ich nicht, weshalb ich schreien sollte.
Blut rinnt über den Steinboden. Leon neben mir hält inne. Das Messer fällt Zentimeter neben meinem Gesicht zu Boden. Glänzendes, rotes Blut klebt an seiner Spitze.
Er schaut mich an. Er ist so hübsch. Für mich war er immer der Junge. Er ist der Junge für mich. Er lächelt.
„Lass mich...“, röchele ich und stelle entsetzt fest, dass ich kaum mehr reden kann.
Fragend zieht er die Augenbrauen hoch.
„Lass mich... nie wieder...“, presse ich schwer hervor. Ich sehe ihn nur noch verschwommen. Interessiert blickt er auf meine Brust, auf das Messer neben mir, mir wieder ins Gesicht.
„Lass mich nie wieder los!“, bettle ich, während ich sterbe. Er lächelt und steht auf. Die dunkelroten Chucks sind direkt neben mir. Ich schaue zu ihm hoch und finde ihn toll.
Als meine Kräfte mich verlassen, entfernen sich seine Schritte und er geht, ohne sich nochmal umzusehen.